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Dagobert Duck lässt grüßen

Deutsche Unternehmen und Bürger horten Hunderte Milliarden Euro auf Bankkonten. Für die Wirtschaft ist die Bargeldschwemme verheerend.

Von Rudolf Hickel


Wer kennt nicht den superreichen Dagobert Duck. Für seinen sprichwörtlichen Geiz liefert er viele kuriose Beispiele: So verzichtet Dagobert auf den Helikopter und geht lieber zu Fuß durch den Dschungel. Er besorgt sich seine Zeitung aus dem Müll und kämpft mit einem Bären um ein Glas Honig im Wert von zwei Dollar. Getrieben vom Geiz und Sparwahn hortet er seine goldenen Taler.

Anstatt tagtäglich auf der Suche nach den höchsten Renditen sein Vermögen zu disponieren, hat er für sein Geld einen Tresor im Hochhaus-Format einrichten lassen. Diesen Reichtum sehen, ja streicheln zu können, verschafft ihm gegenüber dem tagtäglichen, trostlosen Studium der Depotauszüge Glücksgefühle. Mit dem Kauf und Ausschlachten von Unternehmen oder der Erfindung von Spekulationsinstrumenten durch Investmentbanker hat diese amerikanische Anti-Heuschrecke nichts zu tun.

Dagobert ist das Schreckgespenst der heutigen Ökonomie. Weil er sein Geld hortet, entzieht er es dem volkswirtschaftlichen Kreislauf. Er lässt sein Vermögen in der Realwirtschaft nicht für sich arbeiten. Dieses Vermögen basiert jedoch auf Einkommen, das im Zuge der vorangegangenen Produktion geschaffen worden ist. Da es jedoch im Swimmingpool gebunkert wird, fließt es nicht in die Wirtschaft zurück, es hilft nicht, volkswirtschaftliche Ausgaben an anderer Stelle zu finanzieren.

Unglaublich: Dieser schrullige Dagobert ist wieder auferstanden und treibt heute sein Unwesen. Jetzt heißt er Warren Buffet. Im zweiten Vierteljahr 2012 hat seine Investmentholding Berkshire Hathaway gegenüber dem Vorquartal die Bargeldbestände um 7,5 Prozent auf 40,5 Milliarden Euro ausgeweitet. Den großen, gefürchteten Investor, der zuvor keine profitable Gelegenheit in der Welt ausließ, scheinen die „animal spirits“, die Lebensgeister, verlassen zu haben. Dabei ist er nicht alleine. Auch in Deutschland eifern Unternehmen und Sparer ihm nach.

Die privaten Haushalte in Deutschland hielten den Statistiken der Europäischen Zentralbank zufolge im Juni knapp 790n Milliarden Euro auf ihren Bankkonten – Geld, das per Sichteinlage und Tagesgeld jederzeit verfügbar ist. Deutsche Unternehmen parkten mit 270 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr zehn Prozent mehr auf Tagesgeldkonten. Der Mut zu Sachinvestitionen scheint sie verlassen zu haben. Dabei ist die Flucht ins Bargeld nicht lukrativ. Der durchschnittliche Zinssatz, den die Banken auf das deponierte Bargeld der privaten Haushalte zahlen, lag im Juni bei 0,77 Prozent. Durch die Geldentwertung von derzeit knapp zwei Prozent werden sogar Verluste beim realen Wert des Geldvermögens hingenommen; die reale Verzinsung ist negativ.

Was sind die Gründe dieser Bargeldschwemme? Im Unterschied zu Dagobert, handelt es sich eher um eine Verzweiflungstat. Als die Bargeldbestände im Umfeld der Lehman Brothers-Pleite im September 2008 nach oben schossen, war es die Angst vor dem Zusammenbruch des Weltfinanzmarktsystems, die die Bargeldhaltung nach oben getrieben hat. Heute wird die viel stärkere Flucht ins Tagesgeld und in jederzeit verfügbare Sichteinlagen durch Ängste vor den Folgen der Euro- und Staatsschuldenkrise angetrieben. Anleger trauen den auf den Finanzmärkten erhofften Renditen nicht mehr.

Praktisch hat die panische Sucht nach Sicherheit die aussichtslose Spekulation mit riskanten Vermögnsanlagen verdrängt. Dieses Parken und Warten ist aus der Sicht des verzweifelten Anlegers durchaus rational. Gesamtwirtschaftlich wirkt die Dagobert-Manie, heute mit Bargeld auf den Bankkonten, verheerend. Normalerweise dient die Bildung von Geldvermögen der Finanzierung von volkswirtschaftlichen Ausgaben durch Kreditvergabe an anderer Stelle. Jedoch die Flucht in die Bargeldhaltung bei Banken lässt den Kreislauf stocken. Pessimistische Erwartungen vertiefen die Krise noch. Aus den Erfahrungen mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre spricht der englische Ökonom John Maynard Keynes von einer gefährlichen Liquiditätsfalle. Deutschland bewegt sich in diese Falle: Geld im Überfluss findet wegen pessimistischer Erwartungen erst einmal nicht den Weg in die reale Wirtschaft. Stagnation, ja Deflation sind die Folge.

Wie kann diese Falle außer Kraft gesetzt werden? Im Zentrum steht die tiefe Vertrauenskrise, die die wirtschaftlichen Aktivitäten erlahmen lässt. Die Ursache liegt in der Euro- und Staatsschuldenkrise, die es zu überwinden gilt. Eine Politik, die nur die nötigsten Ad hoc- Maßnahmen ergreift und damit stets den nächsten EU-Krisengipfel erforderlich macht, treibt die Vertrauenskrise voran. Statt dessen sind Mut und Entschlossenheit der Politiker gefordert. Überzeugungskraft ist verlangt und eine Vision, die endlich die einheitliche Währung durch eine vergemeinschaftete Finanz- und Wirtschaftspolitik fundiert. Der Lohn wäre gewiss: Die Wirtschaft würde aus ihrer Parkposition starten, Einkommen und Arbeitsplätze schaffen.


Rudolf Hickel ist Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen. Er beschäftigt sich mit politischer Ökonomie, Kapitalismus und Geldpolitik. Zuletzt erschien „Zerschlagt die Banken“ von ihm, eine Streitschrift wider die Finanzmärkte.

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